Ein kleiner Bericht von unserem Besuch des 13.aid Forums in Bonn – aid Informationsdiesnt für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz)
Lobenswert, dass gerade eine Gesellschaft, die sich der flächendeckenden Aufklärung und Information zur gesunden Ernährung zur Aufgabe gemacht hat, dieses Thema aufgreift. Schon 2007 waren die Themen des 10. aid-Forums der Ernährungskommunikation selbstkritisch und luden ein zum quer- und weiterdenken.
So waren auch dieses Mal Zweifel erlaubt: Brauchen wir wirklich die totale Aufklärung? Ist mehr Wissen über gesunde Ernährung ein Garant für mehr Gesundheit? Die Referenten kamen fast alle nicht aus dem Fachbereich der Ökotrophologie (Ernährungswissenschaft) und gaben uns damit die Möglichkeit unsere Arbeit aus anderen Perspektiven zu betrachten. Sie kamen aus der Psychologie, der Soziologie, der Entscheidungsforschung und der Gesundheitspsychologie.
Den Anfang machte Frau Dr. M. Büning-Fesel, geschäftsführender Vorstand des aid- Infodienstes (Mitarbeit an diversen bekannten Aufklärungskampagnen, z.B. 5 am Tag). Was mich wirklich verblüffte, waren ihre bzw. die Lösungsansätze des aid zu diesem Thema. Das hat was von, sich am eigenen Schopf aus dem Wasser ziehen zu wollen, der Vorschlag verkürzt: alle Zünfte, die mit Ernährung und Gesundheitsprävention zu tun haben, sollen zu den Ernährungsthemen nur noch eine (zertifizierte) Wahrheit (natürlich die Richtige;-) kommunizieren.
Herr Prof. Dr. Klotter (u.a. Autor „Warum wir es nicht schaffen, gesund zu bleiben.“) gab uns einen historisch-soziologisch-psychologischen Einblick, indem er gleich den Grundsatz allen Strebens nach Gesundheit in Frage stellte. Gesundheit als Pflicht in der aufgeklärten Zeit des Kapitalismus führt zur Rebellion (z.B. durch riskante Sportarten, Komasaufen, Drogen, etc.) gegen die intime Einmischung in die Belange unseres Körpers. Der Mensch lebt in einem ständigen Spannungsverhältnis zwischen Askese und Party bis zum Umfallen.
Prof. Dr. Michael Jäckl bedauerte in seinem Vortrag „Mächtiger und Verwirrter zugleich“ u.a. die Macht, die der („verwirrte“) Konsument heutzutage in zunehmendem Maße durch Onlineforen und Social Networking gegenüber der Nahrungsmittelindustrie hat. In diesem Zusammenhang erwähnte er auch recht abschätzig eine Organisation (Zitat)“.. die mit F beginnt und mit H endet.“ - Uns gefällt unsere wachsende “verwirrte” Verbraucher-Macht gegenüber der dominanten Nahrungsmittelindustrie jedenfalls ganz gut, Herr Dr. Jäckl.
Der Entscheidungsforscher Dr. J. Marewski machte an eindrucksvollen Beispielen klar, dass nicht immer der die besseren und klügeren Entscheidungen trifft, der die meisten Informationen zum Thema hat. Im Gegenteil, intuitive Entscheidungen, die oft aus einer Heuristik (bezeichnet die Kunst, mit begrenztem Wissen und wenig Zeit zu guten Lösungen zu kommen) heraus, aus einfachen Entscheidungsbäumen und Faustregeln heraus gefällt werden, in bestimmten Situationen zielführender sind. Mehr zu diesem spannenden Thema: auf www.springerlink.com hier gibt es einige Publikationen (englisch) zum Thema (Suchbegriff: Marewski) ; das Buch „Bauchentscheidungen: Die Intelligenz des Unbewussten und die Macht der Intuition“ Gigerenzer (2007)
Frau Prof. Dr. Ute Bender erzählte uns aus ihrem Forschungsprojekt REVIS (Reform der Ernährungs- und Verbraucherbildung in Schulen 2003 bis 2005). Anzustreben sei es ihrer Meinung nach, eine breite Ernährungskompetenz zu bilden statt viel Ernährungswissen anzuhäufen. Kompetenz schließt zusätzlich zum Wissen auch die entsprechenden Handlungen und Einstellungen mit ein.
Auch der „unrealistische Optimismus“, um den es bei Frau Prof Dr. B. Renner ging, war interessant. Groß scheint die Kluft zwischen Beurteilung der allgemeinen Lage und der dazugehörigen Selbsteinschätzung, Beispiel:
Ich weiß: Rauchen verursacht Lungenkrebs. – Aber: Ich bin nicht gefährdet, weil ich ja erst 4 Jahre rauche, weil ich ja nur 6 am Tag rauche, weil in meiner Familie alle geraucht haben und mein Opa ist erst mit 90 Jahren friedlich eingeschlafen, etc.
Zugegeben, sie kann ein regelrechtes Hindernis sein, unsere Kunst uns vieles schön zu reden. – Ich finde, manchmal beflügelt uns aber auch so ein sorgloses, sich-selbst-ein-in-die-Tasche-lügen, oder?
Zum Schluss bekamen wir noch interessante Einblicke in die Motivationspsychologie von Frau Prof. Dr. Gabriele Oettingen. Ist es nicht immer brauchbar, Möglichkeiten und Werkzeuge bei der Hand zu haben, die es einfacher und müheloser machen können Verhaltensweisen zu ändern?
Denn meistens geht es bei uns, im Ernährungscoaching, genau darum und genau deshalb ist es sehr bereichernd, aus anderen Fachbereichen, neue Theorien und Forschungsergebnisse zu erfahren.
Rundum und zum Schluss: eine gelungene Veranstaltung des aid, perfekt organisiert, vor jedem Vortrag gab es Kurzfilmchen zum Einschmunzeln und insgesamt abwechslungsreichen, fachübergreifenden Input von den unterschiedlichsten Referenten. Wir sind gespannt auf das Thema für 2011.




Super Zusammenfassung des Tages. Ich fand die Veranstaltung (bis auf organisatorische Mängel) sehr gelungen und die Referenten sehr gut ausgewählt. Am verblüffendsten für mich waren die Vorträge von Prof. Dr. Klotter und Prof. Dr. Gabriele Oettingen die viel Stoff zum weiter nachdenken geliefert haben.
genau mein Eindruck @Andrea (bis auf die Organisation, da hatte ich wohl Glück;-)- Auf Deinem Blog läuft ja auch gerade Interessantes zur Veranstaltung:
http://bachmichels.wordpress.com/2010/05/24/mehr-als-wir-verdauen-konnen/